Andreas Grün

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Gottfried Weber

1779–1839

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Variationen

Gottfried Weber, heute vor allem als Musik­theoretiker und Autor des drei­bändigen Versuch einer geordneten Theorie der Tonsetz­kunst (1817–21) bekannt, trat nach Abschluss seines Jura­studiums auch als Komponist hervor, solange seine zu­nehmenden beruflichen Ver­pflichtungen ihm die nötige Zeit dafür ließen – seit 1814 war Weber Richter in Mainz, 1818 ging er als Hof­gerichts­rat nach Darmstadt, wo er später zum General­staats­prokurator am Cassations­gericht aufstieg.
Wie sein Namensvetter Carl Maria von Weber, mit dem er zwar gut befreundet, aber nicht verwandt war, sah Gottfried Weber in seinen Kammermusik­werken und Liedern immer wieder eine Gitarre vor, so bereits in seinen Variationen für die Guitarre mit Begleitung von Flöte oder Violoncell, Erstes Werk, deren Thema unverkennbar die heute als Volks­lied Gestern Abend war Vetter Michel da überlieferte Melodie ist.
Weber benennt sein Variationsthema aber weder bei diesem, noch über­haupt bei irgend­einem Namen, was darauf hindeutet, dass die Melodie zur Entstehungs­zeit – vermutlich um 1805 – noch nicht exklusiv mit dem später kanonischen Text verbunden war, sondern als populäre Tanz- oder Gebrauchs­melodie kursierte, womöglich dabei auch als Gassen­hauer mit wechselnden, vielleicht im­provisierten Texten gesungen wurde. Zwar erwähnt schon Goethe in einer Strophe seines Spott­gedichtes Musen und Grazien in der Mark (1796) den späteren Lied­titel als eine offen­sichtlich populäre Phrase – von dem heute bekannten, an diese Rede­wendung an­knüpfenden Lied­text ist hier jedoch sicher noch nicht die Rede:

Laßt den Witzling uns besticheln!
Glücklich! wenn ein deutscher Mann,
Seinem Freunde, Vetter Micheln,
Guten Abend bieten kann.
Wie ist der Gedanke labend!
Solch ein Edler bleibt uns nah!
Immer sagt man: gestern Abend
War doch Vetter Michel da.

Jedenfalls war es zu Webers Zeit schon aus kommerziellen Gründen eigentlich Usus, aktuelle Mode­themen – wie Malbrough s’en va-t-en guerre oder Nel cor più non mi sento – bei Musik­drucken verkaufs­fördernd beim Namen zu nennen. Es ist äußerst unwahr­scheinlich, dass der Komponist dies in seiner aller­ersten Veröffentlichung, seinem Markt­eintritt sozu­sagen, unter­lassen hätte, sofern die Melodie damals bereits den Text gehabt hätte, der seit der Mitte des 19. Jahr­hunderts durch Ludwig Erks Volks­lieder­sammlungen tradiert wurde.
Webers Variationen sind seiner künftigen Frau, „dem Fräulein Therese von Edel“, gewidmet, die er am 13. Februar 1806 heiratet und die kurz nach der Geburt eines Sohnes schon im August 1808, gerade 22-⁠jährig, stirbt. Er nennt sie in dieser Widmung noch bei ihrem Mädchen­namen, die Komposition wird also vor 1806 entstanden sein. Wir wissen sonst nichts über die Entstehungs- und mögliche private Vor­geschichte des Werkes – aber man stellt sich die beiden gerne beim gemein­samen häuslichen Musizieren vor, den jungen Gott­fried am Violon­cello mit der noch jüngeren Therese und ihrer Gitarre.
Die Noten waren außerordentlich lange im Handel. 1807 erscheint Webers Erstling bei Breitkopf & Härtel in Leipzig. Zehn Jahre später, um 1817/18, werden die Variationen nach­gedruckt, aus­drücklich als „Ersten Werkes 2te Auflage“, dieses Mal aber laut Titel­blatt von Schott in Mainz, mit dem Weber durch die geografische Nähe inzwischen gut im Geschäft ist. Auf der Rück­seite der Cello­stimme annonciert der Verlag eng bedruckt siebzehn zum Teil große Kompositionen – „Folgende neuere Werke von Gottfried Weber sind in der Hof­musik­handlung von B. Schott in Mainz, und durch jede solide Musik- und Buch­handlung zu haben.“ –, wobei nicht nur eigene Ausgaben auf­geführt sind, sondern auch solche anderer Verleger wie Simrock oder Gombart; auch die vor­liegenden Variationen selbst stehen dort, und zwar ausdrücklich mit Verweis auf Breitkopf: „Thema mit Variat. f. Guit. u. Vcll. od. Flöte, Op. 1. Leipz. B. u. Härtel, 8 Gr. Mainz Hofmus. Handl. 36 kr.“
So weit, so klar. Aber dann wird es etwas rätselhaft. Das­selbe Werk wurde nämlich auch in Paris bei Richault als Variations Pour Guitare et Violoncelle ou Flûte, Œuv. 2. veröffentlicht, und zwar der niedrigen Platten­nummer 243.R. zufolge vermutlich bereits etwa 1810–12, also vor der zweiten Auflage bei Schott und in den frühen Jahren von Richaults Tätigkeit.
Geänderte oder auch doppelt vergebene Opus­nummern sind im frühen 19. Jahr­hundert ein immer wieder anzu­treffendes Phänomen, für das es unter­schiedliche Gründe geben konnte. Es bleibt im Falle Weber der Phantasie über­lassen, was dahinter­stecken mag. Hat Weber selbst seinen Erstling mit oder ohne Wissen von Breitkopf in Paris ein zweites Mal heraus­gebracht? Wahr­scheinlicher ist, dass Richault eine Lizenz von Breit­kopf erworben hat, so wie er von Beginn an systematisch fremde Bestände akquiriert hat, um seinen jungen Verlag mit Ausgaben auszu­statten. Der Grund für die Änderung der Nummer bleibt aber unklar. Sollte es für das Pariser Publikum nicht nach dem Werk eines Anfängers aus­sehen? Oder wünschte einer der beteiligten Verleger oder gar der komponierende Jurist Weber dadurch zu verbergen, dass es sich bei der Pariser Aus­gabe um das bereits publizierte Opus 1 handelt?
Es ist jedenfalls kein anderes Opus 2 von Weber bekannt, und die editorische Verschleierung war so erfolg­reich, dass bis heute die Identität von Opus 1 und 2 in der Musik­wissen­schaft un­bemerkt geblieben ist. In der Enzyklopädie Die Musik in Geschichte und Gegenwart wird Opus 2 (im Gegen­satz zu Opus 1) von Arno Lemke 1968 als „un­auf­findbar“ bezeichnet, eine Zu­schreibung, die sich dann über mehrere Wieder­verwendungen seines Werk­verzeich­nisses in diversen Publikationen bis in die MGG Online sowie den Wikipedia-Artikel zum Zeit­punkt der Nieder­schrift dieses Textes (2026) gehalten hat. Dabei schlummern die Noten in einer historischen Ausgabe seit vermutlich 1935 ganz einfach in der Musik­bibliothek der Münchner Stadt­bibliothek, und inzwischen sind sowohl die Schott- als auch die Richault-Ausgabe sogar online bei IMSLP zu finden (wo es übrigens irgend­jemandem auf­gefallen ist, dass es um dieselbe Komposition geht, denn beide finden sich da bei Variations in C major, Op. 1).
Gerade die „unauffindbare“ Richault-Ausgabe als Opus 2 zeigt uns nun aber, wie außer­ordentlich lange dieses Duo im Handel war. Während die Platten­nummer eine Ver­öffentlichung etwa 1810–12 belegt, wurde das aus der Sammlung der Gitarristin Vahdah Olcott-Bickford stammende, bei IMSLP ein­sehbare Exemplar deutlich später gedruckt: Die im Impressum „Chez Richault, (Simon), Editeur de Musique, Boulevard Poissonniere, No. 16.“ genannte Adresse ist, wie man an der kleineren Schrift erkennt, eine nach­trägliche Änderung, und Richault residierte dort erst von 1825 bis 1841.
Die Praxis, veraltete Angaben aus Partien der Kupfer­platten zu entfernen und durch aktualisierte zu ersetzen, war durchaus üblich und begegnet uns gleich noch einmal beim Münchner Exemplar, das bei meiner unten verlinkten Aufnahme aus dem Jahr 2001 auf dem Noten­pult stand. Es handelt sich um einen noch weit späteren Nach­druck, zwar immer noch von denselben Platten mit der Nummer 243.R., aber mit weiter über­arbeitetem Titel­blatt, nun auch mit geändertem Preis sowie mit dem neuen Impressum: „Paris, Costallat & Cie. Editeurs, 15, Chaussée d’Antin et Bould. Haussmann, 40.“
Das 1894 gegründete Unternehmen Éditions Costallat et Cie übernahm 1898 Richaults Bestand und damit auch Webers Variationen. Die angegebene Adresse legt einen Nach­druck zwischen 1898 und 1905 nahe – hundert Jahre also nach der Entstehung dieses womöglich durch eine romantische und wohl auch musikalische Liaison inspirierten kleinen Kammer­musik­werks, lange nach dem Tod des Komponisten und noch länger nach dem der Widmungs­trägerin.

Andreas Grün

PLAYVariationen für Violoncello und Gitarre  (SoundCloud)