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1926–2012
1951 hatte der junge Henze sein erstes Italienerlebnis – mit weitreichenden Folgen: 1953 verließ er Deutschland
endgültig. Dabei ging es ihm aber weniger um Dolce Vita; es war für ihn eine Reise in die Vergangenheit, die griechische
Antike bestimmte seinen Kurs.
Auf der Insel Ischia im Golf von Neapel findet Henze sein neues Domizil, wo er sich und seine Musik neu definieren kann und bis
zum Herbst 1955 König Hirsch komponieren wird. Im Orchester dieser Oper taucht ein zartes Instrument auf, die Gitarre.
Sie wird Henze von da an sein Leben lang begleiten, obwohl er selbst sie nicht spielt.
Bei der Vorbereitung auf meine Lehrveranstaltung „Neue Musik für Gitarre“ machte mich eine beiläufige Bemerkung in Henzes
Autobiografie Reiselieder mit böhmischen Quinten (1996) stutzig: „Die Stimmung war oft gedrückt, das Komponieren
schwer. Ich selber hatte mir zur Übung und zur Einkehr nach den üppigen Wucherungen der König Hirsch-Musik einen sporadischen
Zyklus von streng gesetzten Reihenkompositionen verordnet, machte die Drei sinfonischen Etüden (und nebenbei eine
Gitarrenmusik für Ernst Schnabels Hörspiel Der sechste Gesang).“
Eine Hörspielmusik für Gitarre? Darüber wusste ich nichts. Aber es kam noch besser, kurz darauf, wo er über die Tentos aus
Kammermusik 1958 – nach allgemeiner Anschauung seine frühesten Gitarrensoli – schreibt: „Letztere entstammen
eigentlich der schon erwähnten Hörspielmusik zu Ernst Schnabels Sechstem Gesang (aus der Odyssee)
und wurden teilweise auch schon in Maratona verwendet.“
Nun wurde ich wirklich neugierig. Meine daraufhin begonnenen Recherchen entwickelten sich selbst zu einer langen Irrfahrt –
durch Archive, Ton- und Textdokumente. Am Ende konnte ich nicht nur das bis dahin verschollene Manuskript der musiche per chitarra
/ accompagnando il SESTO CANTO di Ernesto Schnabel finden, sondern hielt auch das mit allen die Musik betreffenden Eintragungen
versehene Sendemanuskript in Händen und konnte die Begleitumstände der Entstehung sowie der damit verbundenen
Rundfunkproduktion klären.
Ernst Schnabels „Roman für den Rundfunk“ ist eine zeitgemäße Odyssee-Adaption, die davon handelt, wie der Held von Troja als
Schiffbrüchiger auf der Insel Scheria strandet, wie er an den Hof des Alkinoos kommt, dort mit den über ihn erzählten Geschichten
konfrontiert wird, sich in Nausikaa verliebt und, statt nach Ithaka zurückzukehren, lieber weiter über die Meere fahren
würde.
Henze hatte Schnabel 1951 kennengelernt, als dieser gerade Intendant des Nordwestdeutschen Rundfunks geworden war. Daraus
entwickelte sich eine langjährige Freundschaft. Seit Januar 1955 von der Bürde seiner Intendanz wieder befreit, verbringt der
Schriftsteller den Sommer bei seinem Freund auf Ischia und verfasst dort seinen Roman. Mitte August ist Der sechste Gesang
beendet. Irgendwann im Lauf der nächsten zwei Monate kommt die Idee auf, in der Funkproduktion auch Musik zu verwenden.
Ende Oktober schreibt Schnabel seinem Freund: „[…] ich bin in Baden-Baden und habe heute nun mit dem NWDR und dem SWF vereinbart, dass
Der sechste Gesang bei beiden Sendern kommt. Beide Seiten sind durchaus einverstanden mit der Idee, dass Du eine Guitarrenmusik
dazu schreibst […] Es würde sich alles in allem um etwa 35 Musikmomente drehen […] In etwa fünf Fällen hättest Du die Möglichkeit,
Dich etwas ausführlicher zu verbreiten.“
Henze liefert bestellungsgemäß, die von ihm komponierten Stücke werden in Baden-Baden aufgenommen – in der Sendefassung
allerdings findet dann nur ein ganz kleiner Teil davon Verwendung, und auch dieses Wenige nur selten an der eigentlich
vorgesehenen Stelle.
Nach dieser Nicht-Realisierung seiner Musik wird der Komponist in den folgenden drei Jahren einige seiner für den Sechsten Gesang
entworfenen Ideen wiederverwenden: in den Fünf neapolitanischen Liedern, in Maratona und schließlich in den
Tentos der Kammermusik 1958.
Über alle Ergebnisse meiner Nachforschungen veröffentlichte ich 2013 einen ausführlichen Essay unter dem Titel
„Ein Gedankenstrich, der zitternd Wellen schlägt“ – Hans Werner Henzes Annäherung an die Gitarre in seiner Musik zum
Rundfunkroman „Der sechste Gesang“ (1955) in der Zeitschrift concertino und zeitgleich auch im italienischen
Gitarrenmagazin il Fronimo unter dem Titel 1955: Hans Werner Henze si avvicina alla chitarra attraverso la musica per
‚Der sechste Gesang‘.
Die Frage, ob und wie Henzes Gitarrenerstling im ursprünglich intendierten Kontext tatsächlich wirkt und trägt, war damit
aber noch nicht beantwortet – um das herauszufinden, bedurfte es einer erneuten Realisierung des Rundfunkromans, diesmal
mit seiner Musik. Eine Mammutaufgabe, für die ich das O-TON ensemble wort der Musikhochschule gewinnen konnte.
Unter der Regie der damaligen Rektorin Elisabeth Gutjahr präsentierten 16 Akteure in einer halbszenischen Lesung die über
fünfstündige Rundfunkfassung von Schnabels Odyssee-Roman bei den Henzes Gitarrenœuvre gewidmeten Trossinger
Tagen der Neuen Gitarrenmusik 2016.
Das Objekt meiner zunächst historischen Neugier nahm klingende Gestalt an und hat sich am Ende tatsächlich als lebensfähig erwiesen.
– Obwohl die sparsamen Gitarrenstücke nur als Schwarzblenden zwischen oft breit ausgeführten Szenen dienen, gelang
es Henze doch, mit diesen „Interpunktionen“ eine bedeutungsvolle, aussagekräftige Schicht im dramaturgischen Bogen
der Erzählung zu schaffen. In ihrer kontemplativen Grundhaltung werfen sie ein zusätzliches Licht auf das Geschehen, auch indem
sie oft genug unmittelbar an den Text anknüpfen. Immer wieder greifen Henzes Motive echoartig die letzten Worte auf oder beziehen
sich lautmalerisch auf die Handlung. Auch in diesen Rundfunkminiaturen zeigt Henze seine Qualitäten als Komponist der Bühne.
Ein Jahr nach der posthumen Uraufführung erschien dann im EGTA-Journal mein Bericht über unsere Wiederbelebung von Hans Werner
Henzes erste Arbeit für Sologitarre und die aus dieser Aufführung resultierenden Einsichten: „Wohin nun?“ – Hans Werner Henzes
Gitarrenmusik zum Rundfunkroman „Der sechste Gesang“ – revisited / reloaded / reanimiert.
Andreas Grün
Andreas Grün: „Ein
Gedankenstrich, der zitternd Wellen schlägt“ – Hans Werner Henzes Annäherung an die Gitarre in seiner Musik zum Rundfunkroman
„Der sechste Gesang“ (1955) (PDF)
veröffentlicht in drei Teilen in concertino 3/2013, 4/2013 und 1/2014
Andreas Grün: 1955: Hans Werner Henze si avvicina alla chitarra attraverso la musica per ‚Der sechste Gesang‘
veröffentlicht in drei Teilen in il Fronimo Nr. 162, 163 und 164 (2013)
Supplement dazu:
Andreas Grün:
„Wohin nun?“ – Hans Werner Henzes Gitarrenmusik zum Rundfunkroman „Der sechste Gesang“ – revisited / reloaded /
reanimiert (www.egta-d.de)
veröffentlicht in EGTA-Journal Nr. 2 (4/2017)
Kurzfassung der beiden Texte:
Andreas Grün:
Sechs Saiten für den sechsten Gesang – Die Wiederentdeckung einer verschollenen Gitarrenmusik Hans Werner Henzes
(www.nmz.de; Bezahlschranke)
veröffentlicht in neue musikzeitung 7·8/2016
Zusammenfassung
der Texte aus concertino und dem EGTA-Journal (PDF)