Andreas Grün

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Hans Werner Henze

1926–2012

English version

musiche per chitarra

1951 hatte der junge Henze sein erstes Italien­erlebnis – mit weit­reichenden Folgen: 1953 verließ er Deutsch­land end­gültig. Dabei ging es ihm aber weniger um Dolce Vita; es war für ihn eine Reise in die Vergangen­heit, die griechische Antike be­stimmte seinen Kurs.
Auf der Insel Ischia im Golf von Neapel findet Henze sein neues Domizil, wo er sich und seine Musik neu definieren kann und bis zum Herbst 1955 König Hirsch komponieren wird. Im Orchester dieser Oper taucht ein zartes Instrument auf, die Gitarre. Sie wird Henze von da an sein Leben lang begleiten, obwohl er selbst sie nicht spielt.
Bei der Vorbereitung auf meine Lehr­ver­anstaltung „Neue Musik für Gitarre“ machte mich eine bei­läufige Bemerkung in Henzes Auto­biografie Reise­lieder mit böhmischen Quinten (1996) stutzig: „Die Stimmung war oft gedrückt, das Kom­ponieren schwer. Ich selber hatte mir zur Übung und zur Einkehr nach den üppigen Wucherungen der König Hirsch-Musik einen sporadischen Zyklus von streng gesetzten Reihen­kom­positionen verordnet, machte die Drei sinfonischen Etüden (und neben­bei eine Gitarren­musik für Ernst Schnabels Hör­spiel Der sechste Gesang).“
Eine Hörspielmusik für Gitarre? Darüber wusste ich nichts. Aber es kam noch besser, kurz darauf, wo er über die Tentos aus Kammer­musik 1958 – nach all­gemeiner An­schauung seine frühesten Gitarren­soli – schreibt: „Letztere ent­stammen eigent­lich der schon er­wähnten Hör­spiel­musik zu Ernst Schnabels Sechstem Ge­sang (aus der Odyssee) und wurden teil­weise auch schon in Maratona verwendet.“
Nun wurde ich wirklich neugierig. Meine darauf­hin begonnenen Recherchen ent­wickelten sich selbst zu einer langen Irrfahrt – durch Archive, Ton- und Text­dokumente. Am Ende konnte ich nicht nur das bis dahin verschollene Manuskript der musiche per chitarra / accom­pagnando il SESTO CANTO di Ernesto Schnabel finden, sondern hielt auch das mit allen die Musik betreffenden Eintragungen versehene Sende­manuskript in Händen und konnte die Begleit­umstände der Ent­stehung sowie der damit ver­bundenen Rundfunk­produktion klären.
Ernst Schnabels „Roman für den Rundfunk“ ist eine zeit­gemäße Odyssee-Adaption, die davon handelt, wie der Held von Troja als Schiff­brüchiger auf der Insel Scheria strandet, wie er an den Hof des Alkinoos kommt, dort mit den über ihn erzählten Geschichten konfrontiert wird, sich in Nausikaa ver­liebt und, statt nach Ithaka zurück­zukehren, lieber weiter über die Meere fahren würde.
Henze hatte Schnabel 1951 kennengelernt, als dieser gerade Intendant des Nord­west­deutschen Rundfunks geworden war. Daraus entwickelte sich eine langjährige Freund­schaft. Seit Januar 1955 von der Bürde seiner Intendanz wieder befreit, verbringt der Schrift­steller den Sommer bei seinem Freund auf Ischia und verfasst dort seinen Roman. Mitte August ist Der sechste Gesang beendet. Irgend­wann im Lauf der nächsten zwei Monate kommt die Idee auf, in der Funk­produktion auch Musik zu verwenden.
Ende Oktober schreibt Schnabel seinem Freund: „[…] ich bin in Baden-Baden und habe heute nun mit dem NWDR und dem SWF vereinbart, dass Der sechste Gesang bei beiden Sendern kommt. Beide Seiten sind durchaus einverstanden mit der Idee, dass Du eine Guitarren­musik dazu schreibst […] Es würde sich alles in allem um etwa 35 Musik­momente drehen […] In etwa fünf Fällen hättest Du die Möglichkeit, Dich etwas aus­führlicher zu ver­breiten.“
Henze liefert bestellungsgemäß, die von ihm komponierten Stücke werden in Baden-Baden aufge­nommen – in der Sende­fassung aller­dings findet dann nur ein ganz kleiner Teil davon Verwendung, und auch dieses Wenige nur selten an der eigent­lich vor­gesehenen Stelle.
Nach dieser Nicht-Realisierung seiner Musik wird der Komponist in den folgenden drei Jahren einige seiner für den Sechsten Gesang ent­worfenen Ideen wieder­verwenden: in den Fünf neapo­litanischen Liedern, in Maratona und schließlich in den Tentos der Kammer­musik 1958.
Über alle Ergebnisse meiner Nach­forschungen ver­öffentlichte ich 2013 einen aus­führlichen Essay unter dem Titel „Ein Gedanken­strich, der zitternd Wellen schlägt“ – Hans Werner Henzes An­näherung an die Gitarre in seiner Musik zum Rundfunk­roman „Der sechste Gesang“ (1955) in der Zeit­schrift concertino und zeit­gleich auch im italienischen Gitarren­magazin il Fronimo unter dem Titel 1955: Hans Werner Henze si avvicina alla chitarra attraverso la musica per ‚Der sechste Gesang‘.
Die Frage, ob und wie Henzes Gitarren­erstling im ursprünglich intendierten Kontext tat­sächlich wirkt und trägt, war damit aber noch nicht beantwortet – um das heraus­zufinden, bedurfte es einer erneuten Realisierung des Rundfunk­romans, diesmal mit seiner Musik. Eine Mammut­aufgabe, für die ich das O-TON ensemble wort der Musik­hoch­schule gewinnen konnte. Unter der Regie der damaligen Rektorin Elisabeth Gutjahr prä­sentierten 16 Akteure in einer halb­szenischen Lesung die über fünf­stündige Rund­funk­fassung von Schnabels Odyssee-Roman bei den Henzes Gitarren­œuvre ge­widmeten Trossinger Tagen der Neuen Gitarrenmusik 2016.
Das Objekt meiner zunächst historischen Neu­gier nahm klingende Gestalt an und hat sich am Ende tatsächlich als lebensfähig erwiesen. – Obwohl die spar­samen Gitarren­stücke nur als Schwarz­blenden zwischen oft breit aus­ge­führten Szenen dienen, gelang es Henze doch, mit diesen „Inter­punktionen“ eine bedeutungs­volle, aussage­kräftige Schicht im drama­tur­gischen Bogen der Erzählung zu schaffen. In ihrer kon­templativen Grund­haltung werfen sie ein zusätz­liches Licht auf das Geschehen, auch indem sie oft genug un­mittelbar an den Text anknüpfen. Immer wieder greifen Henzes Motive echo­artig die letzten Worte auf oder beziehen sich laut­malerisch auf die Handlung. Auch in diesen Rundfunk­miniaturen zeigt Henze seine Qualitäten als Kom­ponist der Bühne.
Ein Jahr nach der posthumen Uraufführung erschien dann im EGTA-Journal mein Bericht über unsere Wieder­belebung von Hans Werner Henzes erste Arbeit für Sologitarre und die aus dieser Aufführung re­sultierenden Ein­sichten: „Wohin nun?“ – Hans Werner Henzes Gitarren­musik zum Rund­funk­roman „Der sechste Ge­sang“ – revisited / reloaded / reanimiert.

Andreas Grün


Literatur

Andreas Grün: „Ein Gedankenstrich, der zitternd Wellen schlägt“ – Hans Werner Henzes An­näherung an die Gitarre in seiner Musik zum Rund­funk­roman „Der sechste Ge­sang“ (1955) (PDF)
veröffentlicht in drei Teilen in concertino 3/2013, 4/2013 und 1/2014

Andreas Grün: 1955: Hans Werner Henze si avvicina alla chitarra attraverso la musica per ‚Der sechste Ge­sang‘
veröffentlicht in drei Teilen in il Fronimo Nr. 162, 163 und 164 (2013)

Supplement dazu:
Andreas Grün: „Wohin nun?“ – Hans Werner Henzes Gitarren­musik zum Rund­funk­roman „Der sechste Ge­sang“ – revisited / re­loaded / re­animiert (www.egta-d.de)
veröffentlicht in EGTA-Journal Nr. 2 (4/2017)

Kurzfassung der beiden Texte:
Andreas Grün: Sechs Saiten für den sechsten Ge­sang – Die Wieder­entdeckung einer ver­schollenen Gitarren­musik Hans Werner Henzes (www.nmz.de; Be­zahl­schranke)
veröffentlicht in neue musikzeitung 7·8/2016

Zusammenfassung der Texte aus concertino und dem EGTA-Journal (PDF)